Prinzipien
Im Jahr 1904 schuf der englische Mystiker und Dichter Aleister Crowley (1875-1947) die Grundlagen des als Thelema bekannten Systems. Diejenigen, die dem Pfad von Thelema folgen, nennen sich selbst Thelemiten.
Das zentrale Ziel von Thelemiten besteht darin, ihren wahren Willen zu entdecken und auszuführen, der allgemein als die innerste Natur oder der richtige Lebensverlauf des Individuums definiert ist. Die Techniken, um dieses Ziel zu erreichen, fallen unter den Überbegriff von Magick.
Thelema hat auch starke politische, ethische, ästhetische und kulturelle Aspekte. Obwohl es keine strikte buchstäbliche Doktrin gibt, schrieb Aleister Crowley viele Artikel und Essays über seine Ideen über das richtige Verhalten einzelner Thelemiten und über eine ideale thelemitische Gesellschaft. Diese Ideen haben sich immer wieder weiterentwickelt.
Die primären Themen beinhalten jedoch die persönliche Freiheit, die Anerkennung, dass alle Menschen eine inhärente göttliche Natur haben und dass Liebe die Grundlage des Großen Werkes ist.
Thelema betont die Individualität und Einzigartigkeit des Willens jedes Einzelnen. Aus diesem Grund ist es sehr schwierig, etwas über diese Bewegung als Ganzes zu sagen, geschweige denn ihre Anhänger.
In gewissem Sinne ist Thelema eine Philosophie, eine Lebensweise und sogar ein Geisteszustand, auf den die Thelemiten die Praktiken und Symbolik der Magick anwenden, die als “Kunst und die Wissenschaft der Veränderung nach dem eigenen Willen” definiert ist. Einige bezeichnen Thelema als Religion.
Viele Thelemiten praktizieren magische Rituale, um ihren Willen zu fokussieren und sich in einen Bewusstseinszustand zu bringen, den sie für ein wichtiges Element der Arbeit halten.
Yoga, Kontemplation und das Studium der heiligen Bücher von Thelema und anderer Werke sind ebenfalls sehr wichtige Elemente der Praxis.
Obwohl jeder Thelemit die Aufgabe hat, seine eigene Interpretation des Buches des Gesetzes zu schaffen, denken viele, dass jeder Mensch einen göttlichen wahren Willen hat und dass seine Entdeckung zur allgemeinen Harmonie auf Erden führen würde.
Die ethische Doktrin der Nicht-Einmischung ist sehr wichtig für Thelemiten.
Das Einmischen in den Willen und die Freiheit eines anderen stellt eine Verletzung des wahren Willens da. Die meisten Thelemiten teilen dieses Prinzip in ihren Gemeinschaften und vermeiden so die falsche Annahme, dass wir den Willen eines anderen Menschen auf die gleiche Weise kennen können, wie wir unseren eigenen Willen kennen können.
Eine solche Ethik schafft ein Umfeld, das auf Respekt und Vertrauen basiert und ermutigt jeden Einzelne und jeden Einzelnen, unabhängig zu denken und nach sich selbst zu suchen, anstatt sich auf die Überzeugungen anderer Menschen zu verlassen.
- Wir glauben an die Freiheit jedes Individuums und fördern Selbsterkenntnis, Selbstrespekt, Selbstdisziplin und Eigenverantwortung.
- Wir stärken die Bande der Geschwisterlichkeit und erwarten Treue, Offenheit, Kooperation, gegenseitige Hilfe und guten Glauben unter unseren Mitgliedern.
- Wir treten für die Prinzipien der wissenschaftlichen Religion und der universellen Geschwisterlichkeit ein und bekämpfen Tyrannei, Aberglaube und Unterdrückung.
- Wir akzeptieren und verbreiten das Gesetz von Thelema, wie es im Buch des Gesetzes und den Schriften des Propheten des Äons, Aleister Crowley, verkündet wurde.
- Wir glauben, dass eine Mitgliedschaft, die frei von unfairer Diskriminierung ist, wesentlich für die Erfüllung unserer Mission ist.
- Der Orden ist für allen Personen jeglicher Geschlechtsidentität, egal welcher sozialen, kulturellen oder ethnischer Zugehörigkeit, gleichermaßen offen.
- Wir verurteilen Rassismus, Intoleranz, Sexismus, Bigotterie und jegliche Art von Vorurteilen auf Schärfste.
“Es ist kein Geheimnis, dass Aleister Crowleys Schriften eine Reihe von Aussagen enthalten, die Frauen und Gruppen bestimmter Abstammung oder Ethnie herabwürdigen. Wir versuchen hier nicht, diese Aussagen zu wegzurechtfertigen oder -erklären. Sie sind, was sie sind, und sie sind jetzt Teil unserer Geschichte als Organisation.
Heute finden wir jedoch, dass Ideen der angeborenen Überlegenheit eines Geschlechts über das andere oder der inhärenten Überlegenheit oder Unterlegenheit bestimmter „Rassen“ oder Ethnien der Menschheit relativ zueinander nicht durch die beste Wissenschaft unterstützt werden und im Gegensatz zu unseren erklärten Zielen stehen, das Gesetz von Thelema zu verkünden und die uralte Vision der Universalen Bruderschaft des Menschen zu verwirklichen, die die gesamte Menschheit einschließt.
Daher lehnt die US-Großloge des Ordo Templi Orientis alle derartigen Ideen formell und zweifelsfrei ab.
Der O.T.O. schöpft Stärke aus der Vielfalt; wir begrüßen die Teilnahme und Freundschaft von Thelemiten aller Geschlechter jedweder Art, „Rassen“ und ethnischen Gruppen und aus allen Kulturen; und wir sind verpflichtet, uns ihrer unfairen Behandlung innerhalb und außerhalb des Ordens zu widersetzen. Wir sind außerdem verpflichtet, gegen Ideen und Lehren – sei es religiöser, politischer, philosophischer oder pseudowissenschaftlicher Natur – zu sein, die zur Versklavung des menschlichen Geistes tendieren, der „jedem Mann, jeder Frau und jedem zwischengeschlechtlichen Individuum“ innewohnt.”
Übersetzung der Stellungsnahme des Obersten Großrates des Ordo Templi Orientis für die Vereinigten Staaten von Amerika, An. Viii Sol in Leo, Luna in Leo; 20 August, 2017 e.v.
Theologie
Die folgenden Hinweise zur Thelemischen Theologie basieren in erster Linie auf den Schriften von Aleister Crowley. Diese Hinweise sind nicht als Auslegung oder Kommentar zum Buch des Gesetzes außerhalb der Grenzen der Schriften des Propheten gedacht, noch sollen sie eine definitive Aussage zum Thelemischen Glauben darstellen.
Die Theologie von Thelema postuliert, dass das ganze manifestierte Sein von der Interaktion zweier kosmischer Prinzipien verursacht wird: dem unendlich erweiterten, alles durchdringenden Raum-Zeit-Kontinuum; und dem atomaren, individuell ausgedrückten Prinzip des Lebens und der Weisheit. Das Zusammenspiel dieser Prinzipien verursacht das Prinzip des Bewusstseins, welches das Sein bestimmt. Im Buch des Gesetzes werden die göttlichen Prinzipien von einer Dreieinigkeit altägyptischer Gottheiten personifiziert: Nuit, die Göttin des Unendlichen Raumes; Hadit, die Geflügelte Schlange des Lichts; und Ra-Hoor-Khuit (Horus), der Solare Falkenköpfige Herr des Kosmos.
Das Thelemische theologische System nutzt die Gottheiten verschiedener Kulturen und Religionen als Personifikationen bestimmter göttlicher, archetypischer und kosmischer Kräfte.
Die Thelemische Lehre besagt, dass all die verschiedenen Religionen der Menschheit auf universellen Wahrheiten basieren; so ist das Studium der vergleichenden Religionswissenschaft ein wichtiges Studienfach für viele Thelemiten.
In Bezug auf Konzepte der individuellen Seele folgen manche Thelemiten der traditionellen Hermetik in der Lehre, dass jeder Mensch eine Seele oder „Lichtkörper“ besitzt, der in „Schichten“ oder „Mänteln“ angeordnet ist, die den physischen Leib umgeben. Vom Einzelnen wird gleichfalls angenommen, dass er einen eigenen persönlichen „Augoeides“ oder „Heiligen Schutzengel“ besitzt, der gleichermaßen als das „Höhere Selbst“ und als ein separates, empfindungsfähiges, göttliches Wesen betrachtet werden kann.
Thelema beinhaltet die Idee der zyklischen Entwicklung sowohl des kulturellen als auch des persönlichen Bewusstseins. Geschichte gilt als in eine Reihe von „Äonen“ aufgeteilt, die jede ihre eigene vorherrschende Vorstellung des Göttlichen und ihre eigene „Formel“ der Erlösung und des Fortschrittes besitzen.
Das gegenwärtige Äon wird das Äon des Horus genannt.
Das vorhergehende Äon war das des Osiris, und vor diesem das Äon der Isis. Das neusteinzeitliche Äon der Isis gilt als von der Vorstellung des Mütterlichen Göttlichen beherrscht, und seine Formel schloss die Hingabe an Mutter Erde ein, im Gegenzug für die Nahrung und das Obdach, welche sie bereitstellte.
Das klassische/mittelalterliche Äon des Osiris gilt als von der Vorstellung des Väterlich Göttlichen beherrscht, und seine Formel war die der Selbstaufopferung und Unterwerfung unter den Vater-Gott.
Das aktuelle Äon des Horus gilt als vom Grundsatz des Kindes beherrscht, des souveränen Einzelnen, und seine Formel ist die des Erwachsens in Bewusstsein und Liebe zur Selbstverwirklichung.
Nach der Thelemischen Lehre ist der Ausdruck des göttlichen Gesetzes im Äon des Horus „Tu was Du willst“.
Dieses „Gesetz von Thelema“, wie es genannt wird, soll nicht als Freischein interpretiert werden, jeder flüchtigen Laune nachzugeben, sondern stattdessen als der göttliche Auftrag seinen eigenen Wahren Willen oder wahren Lebenszweck zu entdecken und ihn zu verwirklichen; auf dass andere das gleiche auf ihre eigene einzigartige Weise tun.
Die „Akzeptanz“ des Gesetzes von Thelema ist das, was einen Thelemiten ausmacht, und die Entdeckung und Verwirklichung des Wahren Willens ist das grundlegende Anliegen aller Thelemiten.
Die „Kenntnis und Konversation mit dem Heiligen Schutzengel“ zu erlangen gilt hier als integraler Bestandteil dieses Prozesses. Die Methoden und Praktiken, die in diesem Prozess eingesetzt werden, sind zahlreich und vielfältig, sie werden unter dem allgemeinen Begriff „Magick“ zusammengeschlossen.
Es gibt viel Raum für Thelemiten die Praktiken zu wählen, die für ihre oder seine individuellen Bedürfnisse angemessen sind.
Einige dieser Methoden sind dieselben oder ähnlich den Praktiken, die von vielen der großen Religionen der Vergangenheit und Gegenwart befürwortet wurden:
Gebet, Meditation, Studium religiöser Texte (jene von Thelema und auch anderer Religionen), Gesang, symbolisches und initiatorisches Ritual, Andachtsübungen, Selbstdisziplin usw.
Allerdings wurden einige unserer Praktiken traditionell dem zugeordnet, was allgemein als „Okkultismus“ bekannt ist.
Das heißt, Astrologie, Divination, Numerologie, Yoga, Tantrische Alchemie und der Diskurs mit „Engeln“ oder „Geistern“ werden allesamt von Thelemiten als potentiell wirksame Mittel angenommen, um spirituelle Einsicht in das Wesen des eigenen Seins und den eigenen Platz im Universum zu erlangen und zur Erfüllung solcher Erkenntnisse durch harmonische, evolutionäre Werke.
Thelema betrachtet jede Handlung, die nicht auf die Entdeckung und Verwirklichung des Wahren Willen gerichtet ist, als „schwarze Magie“.
Dies beinhaltet die Einmischung in die rechtmäßige Ausübung des Rechts eines anderen, seinen eigenen Wahren Willen zu entdecken und zu verwirklichen.
Die Thelemische Lehre besagt, dass die Disharmonie und das Ungleichgewicht, die durch solches Handeln entstehen, eine ausgleichende Reaktion des Universums hervorruft, die das Gleichgewicht wieder herstellt; eine Lehre, ähnlich der östlichen Vorstellung vom „Karma“. Thelema hat keine direkte Parallele zum jüdisch-christlichen Konzept des Teufels oder Satans; jedoch wird eine Pseudo-Personifizierung von Verwirrung, Ablenkung, Illusion und egoistischer Unwissenheit mit dem Namen „Choronzon“ bezeichnet.